"anime perse " verlorene Seelen

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In meinem Projekt ANIME PERSE kommen mehrere “Zufälle“ zusammen. Einer davon ist der Bildhauer Frank Breidenbruch, der mich ermuntert hat, mal wieder eine Skulptur zu fertigen, die im öffentlichen Raum nämlich am Haus von Giggi Buffon im Centro Storico von Carrara, dem Mekka des ewigen Marmors, ihren Platz finden soll.

Ich habe zugesagt und gedacht, dann mach ich was Schönes. Doch schnell hab ich realisiert, dass dies gar nicht so einfach ist: es gibt schon so viel Schönes.

Weitere Gedanken zum Projekt führten mich zur Überzeugung etwas zu schaffen, dem ein reales Thema zu Grunde liegt.

 

Es geschehen Dinge, denen wir täglich begegnen, die wir aber kaum noch zur Kenntnis nehmen. Und doch müsste uns auffallen: In Italien gibt es immer mehr Afrikaner, dies nicht nur in Marina di Massa. Über die afrikanischen Menschen, die ich hier sehen und erleben kann, mach ich mir nicht mal die größten Gedanken. Ich mache mir Gedanken über diejenigen, die wir nicht sehen können. Ich spreche von den Menschen, die beim Versuch aus Ihrem Leben das Beste zu machen, es nicht geschafft haben. Meine Gedanken gelten all den Menschen, die auf der Flucht ihr Leben verloren haben und ertrunken sind.

Jetzt denken bestimmt viele: “Ach nicht schon wieder diese alte Kamelle“! Doch es ist keine vergangene Tatsache – nein, das passiert immer wieder, heute genauso wie gestern und ist auch in 2020 aktuell.

Mit meiner Skulptur will ich in keiner Weise beurteilen, wer die Schuld daran trägt oder wie man das ändern könnte. Es geht mir darum, das Schicksal dieser Menschen aufzuzeigen, uns nachdenklich zu stimmen.

In Italien haben viele der Afrikaner ein neues Zuhause gefunden. Ein Großteil der Italiener hat zwar Angst vor den dunkelhäutigen Menschen. Doch sind die Italiener, so wie es Ihrer Mentalität entspricht, mit großer Mehrheit sehr hilfsbereit und sie haben Verständnis für die Lage, in der sich die Flüchtlinge befinden.

In der sogenannten Solidargemeinschaft Europas finden die Klagen der italienischen oder auch griechischen Regierungen wenig Gehör. Vor allem, wenn es darum geht, Entlastung in Form von gerechterer Verteilung zu erwirken. Die Staaten, die direkten Kontakt zu Nord Afrika haben, insbesondere eben Italien und Griechenland sind mit der Situation völlig überfordert. Nach meinem Empfinden werden sie von der Eurogemeinschaft allein gelassen.

Was für mich als Deutscher deutlich wird, in Deutschland gibt es nicht so viele Schwarzafrikaner. Dafür aber eine Menge Gutmenschen, die mit Zahlen hin und her jonglieren und sich ein gutes Gewissen einreden, von wegen wir schaffen das schon “Akte zu Wasser Marsch“.

Um es mit anderen Worten zu sagen: Auch unsere “Politik“ hat keine Lösung.

, Ich bin Bildhauer und meine Aufgabe kann nicht sein, Schuldzuweisungen zu machen. Aber wenn ich menschlich sein will und so einen Job habe, muss ich zumindest dokumentieren, was in meiner Zeit geschieht und überlegen, was ich tun kann.

Darum entstand dieses Projekt der “ anime perse / verlorene Seelen“. Der Carrara -Marmor, der einst Meeresgrund war, bietet die Möglichkeit, mich dem Thema zu widmen. Symbolhaft stehen die kleinen Kaulquappen (kl. Frösche) für die Boote der Afrikaner, die ihr Leben in die Hand nehmen wollen, um ein besseres daraus zu machen. Was wir, jedoch unter anderen Bedingungen, ja fast alle probieren.

Jetzt gibt es in meiner Skulptur eben auch Boote, von denen nur noch der Umriss zu sehen ist, so dass ein Durchbruch entsteht. Je nach Platzierung bringt dieser entweder Licht oder Dunkelheit hervor. Das sind sie, die “anime perse / verlorenen Seelen“, die im Meer zurück geblieben sind.

Die Skulptur hängt in der Via Verdi in der Altstadt von Carrara.

Aber jetzt geht es weiter, oder sogar erst richtig los!

Da ich keine Schwarz­afrikaner mit nach Deutschland bringen darf, hab ich mir was anderes ausgesucht.

Auf meinen Streifzügen durch die italienischen Steinbrüche sind mir rostende Kissen aufgefallen, die auf mich eine beeindruckende Ausstrahlung haben, auch, weil man nicht gleich merkt, was die können oder mal konnten. Also nehme ich mir zwei mit.

Zurück im Atelier in Carrara, gibt es einen dieser „Italo - Megaschauer“, das heißt, es schüttet wie aus Kübeln und alles säuft ab. Nur meine Kissen nicht, DIE DINGER KÖNNEN SCHWIMMEN!

Inspiriert durch diese Fähigkeit, beginne ich die Kissen lieb zu gewinnen. Schnell kommt die Sache für mich ins Rollen. Aus diesen erst sehr fremd anmutenden Wesen wird etwas Vertrautes. Die Verbindung zu den “verlorenen Seelen“ drängt sich mir auf.

Die riesigen, rostbraunen Kissen sind dem Tod durch Verschrottung geweiht. Sie sehen toll aus, besonders nach meiner Zuneigung und liebevollen Oberflächenbearbeitung.

Ein weiteres Mal habe ich darum meinen alten Ford Transit startklar gemacht, diesmal als Planwagen. Zum Jahreswechsel 2018/19 geht die Fahrt erneut über die Alpen nach bella Italia. Als Mitstreiter begleitet mich mein Sohnemann Fausto Valentin, um die Kissen, die mich so sehr an die “anime perse / verlorene Seelen “ erinnern, aus den Steinbrüchen von Carrara in ein neues Leben nach Nordeuropa zu führen.

Damit versuche ich mir einzureden, wenn ich Kissen retten kann und es Menschen gibt, die damit was anfangen können, könnte es doch sein, dass dieser Kissentransport von Italien nach Deutschland irgendwann nicht nur meinen Skulpturen möglich ist, sondern auch Afrikanerinnen und Afrikanern Wege nach Deutschland offen stehen, die die Würde der Menschen respektieren.“

 

Bestimmt fühlte ich mich dann menschlicher.

 

Wenn Du nicht weißt, was Du machen sollst, ist es schon mal gut zu wissen, was Du nicht machen sollst.